Lernen > Neurowissenschaftliches Lernverständnis


"Lernen geschieht über Veränderungen an den Kontaktstellen zwischen zwei Nervenzellen, den Synapsen.

Der Job der Synapsen besteht darin, dass sie sich durch ihre Benutzung dauernd verändern und so Anpassungen ermöglichen. Abbildung 1 [hier nicht dargestellt] zeigt ein Neuron, an dem die Enden anderer Neurone ankommen und Impulse abgeben. Jedes Neuron ist auf diese Weise mit bis zu 10.000 anderen Neuronen in Kontakt (nicht nur mit zweien, wie in der Abbildung) bei rund 1010 Neuronen allein in der Großhirnrinde verfügen wir über eine immense Anzahl an Kontaktstellen (etwa 104 mal 1010 = 1014 oder 100.000.000.000.000).

An jeder dieser Kontaktstellen können Veränderungen auftreten einfach nur dadurch, dass sie genutzt werden, weil wir bestimmte Erfahrungen machen und Informationen verarbeiten.
Diese Veränderungen haben besonders dann Bestand, wenn beide Zellen zeitgleich aktiv sind. Dass sich unsere Neurone schlichtweg durch ihren Gebrauch verändern bezeichnen wir als Neuroplastizität.

...

Beim Lernen lassen sich zwei Varianten unterscheiden, die beide auf dem eben geschilderten Mechanismus basieren, sich jedoch darin unterscheiden, wie bewusst und intensiv wir sie erleben: nennen wir sie die Regelvariante (im Wortsinn) und die Ausnahmesituation .

Aus dem eigenen Erleben bestens bekannt ist uns dabei die Ausnahmesituation. Schnelles und gleichzeitig dauerhaftes Lernen findet statt, wenn Urlaubserinnerungen entstehen oder die präzise Erinnerung an das, was wir am Nachmittag des 11. Septembers 2001 getan haben. Wir erinnern uns sehr detailliert an ein einzelnes Ereignis (die Psychologie spricht hier vom episodischen Gedächtnis) - weil wir emotional beteiligt waren.
Entscheidend dabei ist, dass bei emotionaler Beteiligung nicht nur die gefühlsmäßig neutralen Inhalte (beispielsweise die neue Gesprächsstrategie im Verkaufstraining) abgespeichert werden, sondern auch, ob wir uns im Moment des Lernens gut oder schlecht gefühlt haben (z.B. ängstlich, weil wir überfordert waren).

...

Im Gegensatz dazu verläuft die Regelvariante des Lernens deutlich unspektakulärer und meist unbemerkt. Wir lernen schlichtweg immer, weil sich unser Gehirn durch seinen Gebrauch immer (minimal) verändert. Diese neuronalen Veränderungen - und damit unser Lernen - sind stark abhängig von den Erfahrungen, die wir machen und dem Input, dem wir ausgesetzt sind bzw. dem wir uns (mehr oder weniger gezielt) aussetzen.
Dieses Regellernen läuft eher ungezielt - dafür aber mitunter äußerst erfolgreich - sonst hätten Sie diesem Text nicht bis hier folgen können, denn nur durch Regellernen erwerben wir unsere Muttersprache. Aus jeder Menge sprachlichem Input extrahiert unser Gehirn die dahinter liegenden grammatikalischen Regeln. Ähnlich entsteht aus vielen einzelnen Erfahrungen mit Tomaten ein Konzept vom Tomatenhaften (und zum Glück keine Erinnerung an jede einzelne Tomate).

...

Wir lernen also immer und das auch als Erwachsene. Allerdings ist uns dieses Immer-Lernen nicht immer bewusst und läuft entsprechend auch nicht gezielt ab.

Die Psychologie spricht daher vom impliziten Lernen.

Einen etwas anderen Blick auf die Grundformen menschlichen Lernens stellt uns die Pädagogik zur Verfügung.
Sie unterscheidet zwischen formellem und informellem Lernen.
Formelles Lernen findet planmäßig organisiert, gesellschaftlich anerkannt [ ] im Rahmen eines [ ] Bildungssystems statt (Dohmen, 2001).
Hingegen beruht das informelle Lernen im Wesentlichen auf der eigenen (nicht von anderen angeleiteten) Verarbeitung von Erfahrungen in Nicht-Lern-Organisationen (ebenda).
Kurzum: Sie lernen informell. Sie eignen sich dabei eigenständig Neues an, ohne, dass Lernen draufsteht."

[Quelle: Agnes Bauer, ZNL TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen Ulm http://www.znl-ulm.de/html/nl12_neurowissenschaftliches_lernverstaendnis.html]