Der Mutmacher
In der WIR-Ausgabe 03, Dezember 2011 - Februar 2012 wird in dem Beitrag "Der Mutmacher" über ein Gespräch mit Prof. Dr. Gerald Hüther (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Göttingen) berichtet.
Nachstehend können einige Auszüge aus diesem Artikel gelesen werden. Der vollständige Artikel steht hier zum Download zur Verfügung.
" ... Am Anfang steht die Theorie. Und die lautet: Jedes Kind ist hochbegabt. »Jedes Neugeborene, das das Licht der Welt erblickt«, erklärt er, »ist genetisch mit einem Gehirn ausgestattet, das mehr Nervenzellen und mehr Vernetzungen aufbaut als tatsächlich gebraucht werden«. Dieses schier grenzenlose Potenzial an Möglichkeiten sei die Voraussetzung dafür, dass Kinder sich auf ganz unterschiedliche Weise entwickeln können – je nachdem, in welchem Umfeld sie aufwachsen und auf welche Weise sie von ihren Eltern geprägt werden. Deswegen ist es möglich, dass bei gleichen genetisch-physiologischen Voraussetzungen ein Inuitkind in Grönland ganz andere geistige Fertigkeiten entwickelt und ein anderes Gehirn bekommt als ein Indianerjunge im Amazonasdelta. »Das allein zeigt, wie absurd die These von der genetischen Determiniertheit des Menschen ist«, unterstreicht er. ..."
"... Die Prägung durch die Umwelt vollzieht sich nicht unmittelbar, sondern über den Umweg der Bedeutung. Wer heranwächst, erklärt er, macht die Entdeckung, dass es in dieser gigantischen Flut von Eindrücken, die auf ihn einwirken, einiges gibt, das wichtig ist, »das für ihn, in seiner Welt, subjektiv, bedeutsam ist; was für den kleinen Amazonasindianer naturgemäß ganz etwas anderes ist als für den kleinen Inuit. Das Bedeutsame«, so Hüther weiter, »geht unter die Haut. Man hat dann nicht nur etwas gelernt, sondern man hat eine eigene Erfahrung gemacht. Und dabei werden eben nicht nur kognitive, sondern auch emotionale Bereiche im Gehirn aktiviert.« Das heißt: »Immer dann, wenn man eine wichtige Erfahrung macht, wird diese viel tiefer verankert als jeder andere vorübergehende Eindruck oder ein nach Lehrplan eingepaukter ›Lerngegenstand‹.« ..."
"... Man kann nur dann nachhaltig etwas im Gehirn verankern, wenn man sich dafür begeistert. Dann, so Hüther, passiert etwas in unserem Gehirn: Die emotionalen Zentren werden aktiviert, neuroplastische Botenstoffe werden ausgesandt, die »wie Dünger« die dabei aktivierten neuronalen Netzwerke im Gehirn stärken und festigen. Das ist der Grund dafür, dass man immer dann leicht lernt und zur Meisterschaft heranwächst, wenn man von etwas begeistert und emotional berührt ist. Und das ist auch die Erklärung dafür, warum man mit Fug und Recht sagen kann, dass wir uns unser Gehirn selbst programmieren – nach Maßgabe dessen, was wir als bedeutsam und wichtig erleben. ... Unser Gehirn gestaltet sich selbst – und zwar nach Maßgabe dessen, was unter die Haut geht, wofür unser Herz schlägt. Und es folgt dabei zwei – wenn man so will – fundamentalen Erfahrungen, die wir schon vor unserer Geburt gemacht haben und die fortan unserem Entwicklungsstreben die Richtung geben: »Verbundenheit und Freiheit – Freiheit verstanden als das Streben nach Aufgaben, an denen man wachsen kann, Kompetenzerwerb, Autonomie. ..."
"... Wenn man Gerald Hüther so reden hört, wird deutlich, was diesen Wissenschaftler von so vielen anderen unterscheidet: Anders als die meisten seiner Zunft betrachtet er die Wirklichkeit nicht als eine Anhäufung voneinander getrennter Objekte – etwa so, wie es die klassische Physik Jahrhunderte lang tat, wenn sie sich anschickte, nach immer kleineren, identifizierbaren Bausteinen der Materie zu suchen. Für die Biologie, die Wissenschaft vom Leben, ist diese Sicht der Dinge in Hüthers Augen aber komplett verkehrt. Das Leben, sagt er, lasse sich nicht zerlegen und analysieren, ohne es zu beschädigen oder gar zu töten. Weil sie aber genau das tut, sei die moderne Biologie oft »keine Wissenschaft vom Lebendigen, sondern eine Wissenschaft vom Auseinandergenommenen, vom zerlegten Leben. Also von dem, was das verloren hat, was es ausmacht: seine Lebendigkeit«. Das ist für ihn eine Fehlentwicklung, denn die Wissenschaft vom Leben werde nur dann ihrem Anspruch gerecht, wenn sie ernst macht mit der Komplexität und Vernetztheit alles Lebendigen. ...
Um diesen Gedanken anschaulich zu machen, hat Hüther ein Beispiel parat: Zwei Jungs wachsen unter exakt den gleichen Bedingungen auf. Die Eltern achten akribisch darauf, dass keiner der beiden etwas bekommt, was der andere nicht auch bekäme. ›Objektiv‹ haben sie die gleichen Umweltbedingungen. ›Subjektiv‹ aber sieht es in beiden völlig verschieden aus. Denn es ist ein großer Unterschied, ob man als Erster oder als Zweiter in eine Familie hineinwächst. »Das alte Konzept von einem objektiven Umfeld greift hier überhaupt nicht«, folgert er: »Was entscheidend für die Ausbildung des Gehirns ist, sind immer die subjektiven Erfahrungen, die Menschen machen, die Art und Weise, wie sie sich mit ihrer Umwelt in Beziehung setzen.« ..."
"... Und so erlaubt er sich eben auch, nicht nur der gut wissenschaftlich-empirischen Frage »Was sind wir?« nachzugehen, sondern auch laut darüber nachzudenken, was wir sein könnten. Und wie wir dazu kommen, unser Potenzial zu entfalten; oder was uns daran hindert: ungünstige Erfahrungen, die Menschen allzu oft und meist schon als Kinder machen müssen. »Wir werden nur zu denen, die wir sein könnten, wenn nicht ständig jemand an uns rummacht; weil er uns nach einem bestimmten Bild oder Ideal formen möchte«, erklärt er – nicht ohne zu erwähnen, dass Letzteres in unseren Schulen leider noch all zu oft geschieht.
"... wir müssen erkennen, dass Menschen ihre Haltungen und dann auch ihr Verhalten nur verändern, wenn sie neue Erfahrungen machen. »Das kann gelingen, indem ich neue Räume für neue Erfahrungen öffne«, erklärt er, »etwa, indem ich darauf verzichte, einen anderen zu belehren, zu unterrichten, zu dressieren und ihn stattdessen einlade, ermutige und inspiriere, eine neue, eine andere, eine für ihn günstigere Erfahrung machen zu wollen. Das genau ist die neue Pädagogik«, sagt Gerald Hüther: die Pädagogik, für die er wirbt. ..."
[Quelle: wir-menschen-im-wandel.de]
Tipp
Video-Vorträge von Prof. Dr. Gerald Hüther können hier angesehen werden.

