Interview mit Prof. Dr. Jörg Maywald


"Wir brauchen dringend einen Krippengipfel über Qualitätsstandards"
Interview mit Prof. Dr. Jörg Maywald zum Stand der frühkindlichen Betreuung

Ab 2013 soll es für alle Kinder ab Vollendung des ersten Lebensjahrs einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Kita oder bei einer Tagesmutter geben. Fraglich ist, ob diese Kapazitäten dann auch vorhanden sein werden. Eine andere Frage ist die nach der Qualität der frühkindlichen Betreuung. Was ist das Beste für Kinder in diesem Alter und wie kann gute Betreuung gelingen? Fragen dazu an den Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind, Prof. Dr. Jörg Maywald.

Herr Professor Maywald, die beste Betreuung für Kleinkinder, was ist das: die Krippe, die Tagesmutter, die Mutter oder der Vater, die zu Hause bleiben?

Jörg Maywald: Mutter und Vater sind für das Kind die wichtigsten Bezugspersonen. Dies gilt ganz besonders für eine gesunde seelische Entwicklung in den ersten Lebensjahren. Nur wenn eine zuverlässige Bindung zu mindestens einem Elternteil aufgebaut wird, kann das Kind von ergänzender Betreuung in Krippe oder Tagespflegestelle profitieren. Und auch hier ist das Bindungsangebot entscheidend. Erzieherinnen, Erzieher und Tagespflegepersonen müssen für das Kind ebenfalls zu vertrauten Personen werden. Erst auf dieser Basis kann das Kind die vielfältigen Bildungsangebote nutzen. Insofern darf es nicht um ein Entweder-oder, sondern es muss um ein Sowohl-als-auch von Familie und professioneller Tagesbetreuung gehen. Diese Zusammenhänge kennt im Übrigen auch der Gesetzgeber. Der am 1. August 2013 in Kraft tretende Rechtsanspruch auf frühe Tagesbetreuung gilt nicht für alle Kinder unter drei Jahren, sondern erst ab Vollendung des ersten Lebensjahres. Und auch für die Ein- und Zweijährigen ist dieser Anspruch in Ergänzung zur Betreuung durch die Eltern formuliert. Die unersetzliche Bedeutung von Mutter und Vater und ihre besondere Verantwortung für das Kind müssen auch dadurch zum Ausdruck kommen, dass die Eltern ihr Kind nicht einfach in einer Tagesbetreuungseinrichtung abgeben, sondern den Übergang sanft gestalten und von Anfang an einen intensiven Austausch mit den Betreuerinnen und Betreuern ihres Kindes suchen.

Wie steht es gegenwärtig um die Qualität der professionellen Frühbetreuung?

Jörg Maywald: Leider nicht zum Besten. Im Zuge des völlig zu Recht stattfindenden Ausbaus der frühen Tagesbetreuung wurde versäumt, kindgerechte Mindeststandards zu formulieren, die nicht unterschritten werden dürfen. In sehr vielen Fällen sind die Gruppen zu groß und auf eine Erzieherin bzw. einen Erzieher kommen zu viele Kinder. Außerdem sind die Ausbildungen in der Regel nicht auf diese Altersgruppe zugeschnitten, und den Fachkräften steht viel zu wenig Zeit für die so wichtige Erziehungs- und Bildungspartnerschaft mit den Eltern zur Verfügung. Wir brauchen daher dringend einen erneuten Krippengipfel, auf dem sich Bund, Länder und Kommunen auf entsprechende Qualitätsstandards einigen. Selbstverständlich kostet dies zusätzlich Geld, das aber an dieser Stelle gut investiert ist.

Welche Standards müssen erfüllt sein?

Jörg Maywald: Entscheidend sind der Fachkräfte-Kind-Schlüssel, die Gruppengröße sowie gute Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Erzieherinnen und Erzieher und auch für Tagespflegepersonen. Je jünger die Kinder sind und je altershomogener die Gruppe zusammengesetzt ist, desto kleiner muss die Gruppe sein und desto weniger Kinder dürfen auf eine Fachkraft kommen. Als Anhaltspunkt kann gelten, dass eine Gruppe von Ein- und Zweijährigen nicht mehr als sieben oder acht Kinder umfassen und von zwei ausgebildeten Fachkräften betreut werden sollte. Wichtig für gute pädagogische Qualität sind auch das Vorhandensein eines schriftlichen Konzepts, die Eingewöhnung der Kinder nach anerkannten Standards und eine professionelle Zusammenarbeit mit den Eltern. Im Rahmen der Deutschen Liga für das Kind haben sich Mediziner, Entwicklungspsychologen und Pädagogen auf detaillierte Eckpunkte guter Qualität in Krippe und Kindertagespflege verständigt. Diese Eckpunkte stehen unter www.fruehe-tagesbetreuung.de zum Download bereit.

Wie sieht eine optimale Frühbetreuung aus?

Jörg Maywald: Optimal für das Kind ist, wenn es sich bei Mutter und Vater willkommen fühlen kann und sich beide Eltern vor allem in den ersten eineinhalb Jahren viel Zeit für ihr Kind nehmen. Selbstverständlich können bereits im ersten Lebensjahr ergänzend weitere Personen hinzukommen, wie zum Beispiel Großeltern, ältere Geschwister, eine Tagespflegeperson oder eine Kinderfrau. Im Verlauf des zweiten Lebensjahres suchen Kinder zunehmend den Kontakt zu etwa Gleichaltrigen. Je nach Temperament und anderen Eigenschaften profitiert das eine Kind früher, das andere etwas später von der Tagesbetreuung in einer Gruppe. Spätestens ab etwa zwei Jahren können dann alle Kinder die Vorteile einer gut geführten Gruppe für ihre Entwicklung nutzen. Üblicherweise zeigen uns Kinder durch ihr Verhalten, ob sie in einer Tagesbetreuungsgruppe "angekommen" sind. Wenn sich ein Kind bei Kummer von seiner Betreuungsperson trösten lässt und wenn es Freude und Humor zeigt, können wir ziemlich sicher sein, dass es sich dort wohlfühlt und die Angebote als Bereicherung und Erweiterung seines Horizonts erlebt.

Prof. Dr. Jörg Maywald ist Mitbegründer des Berliner Kinderschutz-Zentrums. Er war viele Jahre in der Kinder- und Jugendhilfe, im Jugendgesundheitsbereich und in der Erwachsenenbildung tätig. Seit 1995 ist er Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind, seit 2002 Sprecher der National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland, seit 2011 Honorarprofessor an der Fachhochschule Potsdam.

Die Deutsche Liga für das Kind
Die Deutsche Liga für das Kind ist ein bundesweit tätiges, interdisziplinäres Netzwerk zahlreicher Verbände und Organisationen aus dem Bereich der frühen Kindheit (0–6 Jahre). Die Deutsche Liga für das Kind befürwortet den Ausbau der Tagesbetreuung für Kinder in den ersten drei Lebensjahren und nennt als Voraussetzung, dass die Betreuung den Entwicklungsbedürfnissen der Kinder gerecht wird und fachlichen Mindestanforderungen genügt.

[Quelle: bildungsklick.de ;10.01.2012]