Rhetorik und Körpersprache im Unterricht
Interview mit dem Leiter des Studienhauses St. Blasien, Wolfgang Endres, über Rhetorik und Körpersprache im Unterricht
In gewisser Weise haben Lehrer etwas gemeinsam mit Theaterschauspielern: Auch sie stehen täglich auf der Bühne - nicht vor einem großen Publikum, sondern "nur" vor ihrer Klasse. Anders als Theaterschauspieler sind sie aber für diese Auftritte kaum geschult, obwohl Rhetorik und Körpersprache Einfluss auf den Unterricht haben. Wie Lehrer und Schüler Stimme und Körpersprache richtig einsetzen, erklärt der Experte Wolfgang Endres im Gespräch.
Zum guten Unterricht gehören doch in erster Linie professionelle Fachlichkeit und ein gutes Unterrichtskonzept. Welchen Stellenwert haben überhaupt Rhetorik und Körpersprache?
Wolfgang Endres: Sie sind wichtig, weil Schülerinnen und Schüler die Körpersprache schneller und eindeutiger verstehen als das gesprochene Wort. Und weil mit rhetorischen Mitteln die Wirkung des gesprochenen Wortes verstärkt werden kann.
Beginnen wir mit der Körpersprache. Was müssen Lehrer dazu wissen?
Wolfgang Endres: Etwa, dass der Unterricht bereits beginnt, wenn der Lehrer die Klasse betritt und bevor er das erste Wort gesprochen hat. Dann kann er sich zum Beispiel einfach nur vor die Klasse stellen und 20 Sekunden - das ist eine ewige Zeit - in die Klasse schauen, jedes einzelne Kind wahrnehmen und sich vergewissern, ob alle da sind. Dabei geht es nicht um einen moralisch strafenden Blick, damit jetzt endlich alle zur Ruhe kommen, sondern darum, mit einem freundlichen, offenen Gesicht zu schauen und mit jedem einzelnen Kind Kontakt aufnehmen - erst dann folgt der Gutenmorgen-Gruß. Wer dieses Begrüßungsritual regelmäßig einsetzt, zeigt seinen Schülern, dass ihm diese Form wichtig ist. Für die Schüler hat diese Lehrerpersönlichkeit schon mit Beginn der Stunde eine "Ausstrahlung". Die Schüler fühlen sich angesprochen – ohne Worte.
Viele Leute, die vor Publikum reden, haben das Problem: Wohin mit den Händen?
Wolfgang Endres: Der Lehrer hält entweder die Kreide in der Hand, ein Heft, ein Buch oder er hat am Whiteboard zu tun. Dennoch sollte er sich nicht über eine längere Zeit an einen Gegenstand "klammern". Die Hände sollen möglichst oft frei sein für eine gezielte Gestik, eine klare "Zeichensprache". Selbst eine ausladende Gestik, die auf den ersten Blick übertrieben aussehen mag, unterstreicht das gesprochene Wort und erhöht das Verständnis.
Gut, dann kommen wir zum nächsten Thema: Rhetorik. Welche Tipps haben Sie da für die Lehrer?
Wolfgang Endres: Das ist zunächst einmal recht profan: Ich muss als Lehrer meine Sprechkultur pflegen und zum Beispiel Wert darauf legen, dass ich die einzelnen Wörter deutlich ausspreche und Endsilben nicht verschlucke. Ich sollte mich immer um gute Formulierungen bemühen und möglichst in ganzen Sätzen sprechen. Und ich sollte Pausen aushalten können. Etwa, wenn ich Fragen gestellt habe und auf die Antworten warte. Das sind keine enormen Zeitpakete, aber der Mensch fürchtet, dass ihm die Zeit knapp wird, ihm wegrennt, dadurch spricht er immer schneller, lässt keine Intervalle mehr zu und damit wird der Inhalt beinahe zugeschüttet. Wenn ich etwas sage, was nicht so wichtig erscheint, dann darf ich das schneller sagen. Um so wichtiger ist es, nach dieser Phase wieder langsamer zu sprechen, eine Sprechpause einzulegen, Zeit zum Nachdenken zu lassen. Allein das Variieren des Sprechtempos und der Lautstärke sind kleine Effekte, durch die sich die Aufmerksamkeit der Schüler erhöhen lässt.
Was ist, wenn die Klasse laut und unruhig bleibt? Kann ich dann mit Pausen und leiser Stimme überhaupt irgendetwas bewirken?
Wolfgang Endres: Tatsächlich ist man häufig versucht, sich in seinem Sprechverhalten von der Gruppe, zu der man spricht, beeinflussen zu lassen. Wenn die Klasse also lauter wird, dann werde ich auch lauter. Und irgendwann findet dieses alles in einem Lärmpegel statt, der es kaum noch möglich macht, überhaupt etwas Verständliches von sich zu geben. Das ist dann der Zeitpunkt, an dem ich als Lehrer sagen sollte: Ich lege fest, ob wir hier Raum für Turbulenzen haben oder ob wir jetzt innehalten, etwa mit einer Stilleübung. Wenn ich dies phasenweise einsetze, dann wird von mir ausgestrahlt: Jetzt hätte ich gern eure Aufmerksamkeit. Ob ich die bekomme, ist ein anderes Thema, aber ich setze damit ein Signal. Und im Allgemeinen greift dieses Signal auch und mein Gegenüber stellt sich ein Stück weit darauf ein. Wenn ich merke, es gelingt mir dadurch, die Klasse zu führen, dann ermuntert mich das, nach mehr Anregungen dieser Art Ausschau zu halten. Denn im Allgemeinen tut es gut, wenn man merkt, dass man vor einem Auditorium aufmerksam wahrgenommen wird. Die Zuhörer müssen nicht applaudieren, aber ich spüre, dass ich eine Wertschätzung durch Aufmerksamkeit erfahre.
All diese Anforderungen - frei reden, gekonnt präsentieren, die Zuhörer fesseln - müssen auch Schüler erfüllen. Wie können Lehrer ihnen dabei helfen?
Wolfgang Endres: Ich würde zunächst einmal mit einer Klasse, die darin noch wenig Erfahrung hat, ein paar grundsätzliche Übungen absolvieren, bei denen nicht das einzelne Kind allein vor der Klasse agieren muss. Alle Kinder haben dann beliebige Texte und beginnen an ihrem Platz zu lesen. Ich mache einige Vorgaben, etwa, die nächste Textstelle zu lesen als wäre man ein Sportreporter oder eine Sportreporterin bei der Übertragung eines Endspiels. Eine Art Rollenspiel also und das machen alle gleichzeitig. Jedes Kind ist auf sich allein konzentriert, die Texte spielen eine sehr untergeordnete Rolle, denn es kommt auf die Verpackung an, in der diese Inhalte präsentiert werden. Dieses ´Tohuwabohu` ist für diejenigen, die sich damit eher schwertun, eine Art Schutzraum.
Aber irgendwann müssen die Kinder ja ins kalte Wasser springen …
Wolfgang Endres: Der nächste Schritt ist, sie in einer kleinen Gruppe vor der Klasse agieren zu lassen. Zu zweit, zu dritt. Und dann kommt erst der dritte Schritt: Das Kind steht allein auf dem Podium und referiert. Und dies alles werden Sie jetzt auch auf der didacta vermitteln? Wolfgang Endres: Ich werde nicht nur referieren, sondern das Publikum auch zu kleinen Übungen einladen, zu Partnerübungen, zum Kommunikationstraining. Ich erlebe immer wieder, wie Menschen sich nach solchen kleinen Übungen ermutigt fühlen und ganz fröhlich und entspannt das Gefühl mitnehmen, dass sie mit diesen Anregungen etwas anfangen können.
[Quelle: bildungsklick.de]

